Tag 18: Schlange stehen - oder: Sterben für Andere
Wales > Der Tag > Tag 18: Schlange stehen - oder: Sterben für AndereDienstag, der 11.Oktober 2006
Heute ist ein besonderer Tag: Ich könnte eines der begehrten Parkticket erhalten. Die Geschichte: Es ist ja nicht ganz unbekannt, das ich mit dem Auto nach Wales gefahren bin. Leider muss man ein solches Auto auch irgendwo parken, aber da hat die Uni schon vorgesorgt. Es gibt Parkplätze. Zu allem Unglück muss man aber für die Benutzung des Parkplatzes ein Parkticket vorweisen. Man könnte auch ohne parken, das ist aber auf Dauer riskant: Wie überall in UK wird auch an der Uni sehr schnell "geclamped" und abgeschleppt. Beim "clampen" wird ein kleines lustiges Dreieck aus Stahlblech mit einer schnuckelig massiven Stahlkette aus dem Schiffsbedarf - garantiert abriebfest - an eines der Reifen gekettet. Ein Fahren ist dann nur noch möglich, nachdem man den Radkasten massiv erweitert hat. Auf gut Deutsch: Die Karre wird festgesetzt, wenn man doch fährt, reißt man sich alles kaputt. Abschleppen ist ähnlich: Das Auto wird mit Gewalt - ein kleiner Truck leistet da gute Dienste - an eine andere Stelle gezogen, wo er vorläufig mal nicht stört und dann "geclamped". Alles keine schönen Aussichten.
Um genau das zu vermeiden, wollte ich mich um ein solches Parkticket bemühen. Zuvor hatte ich eine Email bekommen, dass der Verkauf der Parktickets von 9:30 bis 2:00 Uhr stattfindet. Also mal ein Grund, um früh aufzustehen. Gesagt getan. Morgens um 9 aus dem Bett gequält, Vorhang auf, Sonne rein. Dabei aber auch festgestellt, das zu dieser frühen Morgenstunde auffällig viele Studenten zur Verwalten eilen, die man von meinem Fenster aus sehen kann. Habe aber noch nichts Schlechtes gedacht. Um 9:10 war ich bereit zum Frühstücken. Nach einem kurzen Blick aus dem Fenster war mir der Hunger schlagartig vergangen und ich legte noch einen Zahn zu. Immer mehr Studenten strömten Richtung Verwaltung. So langsam ging mir ein Licht auf: Die Engländer lieben es, sich anzustellen. Als schnell runter und rüber gegangen. Vor der Tür: Menschen. Um die Ecke: Menschen. Auf den angrenzenden Parkplatz: Noch mehr Menschen. Schnell hinten angestellt. Es ist 9:15. In 15 Minuten beginnt die Vergabe.
9:16 Uhr: ich bin nicht mehr der letzte in der Schlange, weiter 10-15 Studenten stehen jetzt hinter mir. 9:20 Uhr: der Parkplatzwächter geht an der Schlange vorbei und verteilt die Anträge zum Ausfüllen. Ich habe vorgesorgt und mir schon vorher einen besorgt und ausgefüllt. 5 Minuten später: Es kommt zu ersten Drängeleien um bessere Plätze, der Parkplatzwächter verteilt Nümmerchen (kein Witz!), damit nicht mehr gedrängelt wird. Ich bekomme die 85. Hinter mir stehen inzwischen um die 60 weitere Studenten. Es ist Halb: Das Büro öffnet. In den nächsten 10 Minuten rückt die Schlange ganz ganz ganz ganz langsam vor. Es strömen immer noch Studenten nach und reihen sich ein. Der Parkplatzwächter muss mehrfach für Ordnung sorgen. 10:00 Uhr: Ich kann den Eingang zur Verwaltung sehen. 10:12 Uhr: Endlich, bei der nächsten Runde bin ich dabei. Um Verstopfungen zu vermeiden, werden immer nur 5-10 Anwärter in die Verwaltung gelassen. Immer noch strömen Studenten herbei, die ein Ticket haben wollen.
10:15 Uhr: Ich darf rein. In wenigen Minuten ist alles erledigt. Antrag einreichten, 10 Pfund hinterher schieben, einmal Stempeln und dann habe ich das Parkticket und die bislang unbekannten Regularien in der Hand. Erleichtert verlasse ich das Büro und sehe noch um die 120 Studenten wartend in der Schlange stehen. Aber das interessiert jetzt nicht mehr. Nach über einer Stunde warten bin ich jetzt fertig. Und habe Hunger. Also wieder zurück in Wohnheim und das Frühstück auffahren. Zum Glück hat es während des Wartens nicht geregnet wie sonst immer.
Nachmittags wieder Vorlesung. International Business. Diesmal in einem kleineren Raum als letzte Woche. Wir erinnern uns, dass damals die Vorlesung in 2 Teile gespalten wurde, damit alle drankamen. Heute war das nicht notwendig, der Kurs war - warum auch immer - um 30% geschrumpft, so das selbst in dem kleineren Lecture Room noch einzelne Plätze frei blieben. Dutzende Seiten später war alles vorbei. Das war's. Also wieder nach Hause gehen.
Am Abend dann wieder der Alpha-Kurs. "Warum Jesus gestorben ist?". Begonnen hat wieder alles mit einem guten Abendessen und allgemeinem Austausch über alles Mögliche. Dann kam wieder eine DVD-Session mit dem Vortrag zum Thema. Anschließend noch Nachbesprechung und Gedankenaustausch in kleinen Gruppen. Er starb für mich, damit ich erlöst bin und ewiges Leben habe. Damit mir meine immer wieder begangenen Sünden vergeben werden. Damit ich Gemeinschaft mit Gott haben kann.
Gegen halb 11 bin ich dann endlich auf dem Heimweg hinauf auf den Berg. Während ich Gedankenversunken hinaufgehe, kommen mir die ersten, schon "vorgeglühten" Student(inn)en entgegen, für die der Abend gerade am Beginnen ist. Verkehrte Welt. Während ich die Erlösung habe, jeden Tag um Vergebung, Bewahrung und Führung beten kann, rennen diese geradewegs ins Verderben, wo Spaß und Freude nur mit Alkohol möglich ist...
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